Hintergrund

Die Zukunft des Lokaljournalismus

Welche Rolle werden Lokaljournalisten in Zukunft spielen? Social Media und Datenjournalismus haben die Methoden und Möglichkeiten lokaler Berichterstattung grundlegend verändert. Welchen Einfluss hat das für Demokratisierungsprozesse in unserer Gesellschaft?

ZOOM BERLIN sprach mit Medienexperte Dr. Leonard Novy über die neuen Herausforderungen des Hyperlokaljournalismus.

ZOOM BERLIN: Neben Prominenten interessieren sich Leser stark für Menschen, die sie persönlich kennen, wie z.B. Nachbarn und Kollegen. Dieses Feld überlassen die Medien derzeit komplett den sozialen Netzwerken. Wenn Journalisten auf Mikroebene berichten, worauf müssen sie achten?

Dr. Leonard Novy

Geboren 1977 in Köln, arbeitet als Director Development and Research am Institute for Human Sciences in Wien. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und Cambridge. Als Publizist und Dozent beschäftigt er sich mit den Themen Internationale Politik, Demokratie und Öffentlichkeit. Novy lebt in Wien und Berlin, wo er sich auch am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik engagiert.

Dr. Leonard Novy: Neben Persönlichkeitsrechten, Datenschutz und ethischen Standards journalistischer Arbeit wie Fairness und Unabhängigkeit, die für alle Ebenen gelten - und dennoch nicht immer befolgt werden -, geht es vor allem um Relevanz. Will heißen: Belanglosigkeiten, wie sie Timelines und Tweets der sozialen Netzwerke prägen, funktionieren im professionellen Journalismus nur bedingt. Und während Kommunikation und Interaktion in sozialen Netzwerken mitunter vom Charme des Dilettantismus profitieren, müssen Journalisten auch auf hyperlokaler Ebene letztlich ihr Handwerk können, vor allem Recherche und das Erzählen von Geschichten.

Lokalredaktionen beklagen, sie können sich nicht um alles kümmern. Wie wichtig ist hyperlokale Berichterstattung?

Sie ist in jedem Fall ein Gewinn für die Gesellschaft! „All politics is local“, die Kommunen sind die kleinste betreffende Ebene des demokratischen Gemeinwesens. Sie betrifft uns unmittelbar und wird doch medial häufig vernachlässigt. Das hängt mit Ressourcenproblemen zusammen, aber auch mit Missverständnissen darüber, was auf dieser Ebene erreicht werden kann. Hyperlokaler Journalismus ist mehr als das Schlagloch um die Ecke und meint vor allem nicht „Bespitzelung“.

Letztlich geht es um die Nahräume sozialer Erfahrung und Interaktion. Am Beispiel konkreter Probleme wie Wohnverhältnissen, Transport oder Bildung wird Politik erfahrbar, lassen sich hier ganz konkret und nachvollziehbar letztlich auch „große“ Fragen wie die nach der ökonomischen, ökologischen und sozialen Tragfähigkeit unseres Wohlstandsmodells verhandeln. Und: durch hyperlokales Engagement demonstrieren Verlage Anschlussfähigkeit und Offenheit gegenüber ihren Rezipienten, sichern sich somit Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. Binden Sie die Leser in die Produktion ein, fördern sie zudem „angewandte Medienkompetenz“ und ein Verständnis darüber, wofür Journalismus gut ist, wie er funktioniert, was er zu leisten in der Lage ist und dass wir ihn uns leisten sollten.


Bricht man Datenjournalismus auf Straßenhöhe herunter, bekommen wir es plötzlich mit einer Detailgenauigkeit zu tun, die es niemals zuvor gegeben hat. Machen die neuen Werkzeuge den Journalismus vor der eigenen Haustür zu intim?

Nicht zwingend. Verantwortungsgefühl und Kompetenz der Journalisten vorausgesetzt. Grundrechte wie Datenschutz und Persönlichkeitsrechte aber auch journalistisch-ethische Regeln und Selbstverpflichtungen – Stichwort: Pressekodex – gelten auch auf hyperlokaler Ebene.
Dr. Leonard Novy
Dr. Leonard Novy

„Hyperlokale Berichterstattung ist in jedem Fall ein Gewinn für die Gesellschaft“, so Sozialwissenschaftler Dr. Leonard Novy Foto: P. Scheller

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