Theodor Wolff

Er führte die angesehenste Zeitung im Zeitungsviertel: Theodor WolffFoto: Bernd Sösemann, Design: Anja Richter

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gestern / Pressegeschichte in Berlin

Das größte Medienquartier der Welt

Im Jahr 1928 gab es 146 Zeitungen in Berlin. Nördlich der Oranienstraße erstreckte sich vor der Machtübernahme der Nazis die blühendste Zeitungslandschaft, die Deutschland je gesehen hat. Mit Theodor Wolff als ihrem wichtigstem Chefredakteur.

Stefan Mair Autor: Stefan Mair
Deutschland im Kriegszustand! Titanic gesunken! Rosa Luxemburg ermordet! Die ersten, die von diesen Nachrichten erfahren haben, waren die Bewohner der Oranienstraße. Zeitungsjungen aus dem direkt anliegenden Zeitungsviertel liefen die Straße hinunter und verteilten Vossische Zeitung, Berliner Tageblatt und B.Z. am Mittag.

Es ging um Neuigkeiten, aber auch um Profit. Stellt man sich die gewaltige Industrie vor, von den Umsätzen ganz zu schweigen, die diese publizistische Hochblüte ermöglicht haben, schaut man heute neidisch auf das historische Zeitungsviertel: 146 Tageszeitungen gab es alleine in Berlin. Zur damaligen Zeit war es das größte Medienquartier der Welt.
600 Druckereien, über 100 Zeitungen
Die Zulieferer staffelten sich bis zum Mehringplatz: Telegraphenbüros, heute würde man sagen Nachrichtenagenturen, versorgten die Redaktionen mit Informationen aus aller Welt. 600 Druckereien pressten jede Nacht die vielfältigen und allzuoft extremen Meinungen von tausenden Autoren aufs Papier. Meist von Journalisten, die sich entfernt hatten von preussischem Untertanshabitus und übermütig in eine neue Zeit stolperten.

Fast nichts ist geblieben vom historischen Zeitungsviertel nördlich der O. Zwar sind wenige Verlagsfassaden erhalten, aber selbst der wichtigste Chefredakteur von damals ist heute fast vergessen. Wenn der Journalistenpreis, der nach Theodor Wolff (1869-1943) benannt ist, heute verliehen wird, fragen prämierte Journalisten das Preiskomitee nicht selten, wer dieser Mann war, was ihn ausmachte. Wolff war der wichtigste Chefredakteur der Weimarer Republik. Sein Berliner Tageblatt kann bis heute als journalistisches Vorbild gelten. Es hatte die besten Autoren, stellte sich gegen jeden Radikalismus und bot den einzelnen Ressorts viel Spielraum.

Boykottiert Wolff!

Theodor Wolffs Berliner Tageblatt war erfolgreich und provozierte die Autorität. Reichskanzler Bernhard von Bülow verhängte einen Interviewboykott. Sein Nachfolger von Hollweg forderte seine Beamten auf, dem Berliner Tageblatt keine Informationen mehr durchzustechen

Blitzkarriere
Schon zu Schulzeiten schrieb Wolffs Lehrer neben seine Schulaufsätze „Feuilletonkitzel“, ein besonderes Lob für seinen herausragenden Schreibstil. Trotz schlechter Leistung in allen anderen Fächern konnte Wolff eine Lehre im Verlagshaus Mosse machen. Wolff hatte Glück: Sein Vetter leitete das Haus. So konnte Wolff sein Talent nutzen, wurde von Abteilung zu Abteilung gereicht und schrieb vor allem über Theater. Schon 26-jährig erhielt er einen Topjob: Die begehrte Korrespondentenstelle in Paris.
Fast drei Jahrzehnte Chefredakteur
Seine Berichte von der Dreyfuss-Affäre lockten viele Leser. 1906 erhielt er das Angebot, die Chefredaktion des Berliner Tageblatts zu übernehmen. Ganze 27 Jahre dauerte seine Ägide. Er formte in dieser Zeit den bürgerlich-liberalen Journalismus in Deutschland. In seinen besten Zeiten erreichte Wolff eine Spitzenauflage von 300.000 Exemplaren. Seine politische Linie war klar: Gegen Expansionspläne der Militärs, für ein starkes Parlament.

Er war bemüht um einen deutsch-französischen Ausgleich, was seinen Kritikern neben seiner jüdischen Herkunft ein Dorn im Auge war. Sein Name stand auf schwarzen Listen völkischer Gruppierungen, neben dem von Rosa Luxemburg. Für Antisemiten und Antidemokraten war Wolff Prototyp des großbürgerlichen, assimilierten und kosmopolitischen Juden. Sein Berliner Tageblatt wurde zum Symbol der „verjudeten“ Berliner Presse.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ins Exil gezwungen, lebte er fast zehn Jahre zurückgezogen in Nizza (Frankreich). Zwei Jahre vor Kriegsende wurde er im Auftrag der Gestapo festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Bevor er in ein Konzentrationslager eingeliefert werden konnte, starb Wolff 1943.

Der Zivilisationsbruch der Nazis bedeutete auch das Ende jener Medien-Ära, die von herausragende Verlegerpersönlichkeiten, blutjung vom 22-jährigen Ullstein, dem 24-jährigen Mosse und 31-jährigem Scherl, begründet wurde.

1: Mosse Verlag, 2: Scherl Haus, 3: Reichspressestelle NSDAP, 4: Ullstein Verlag,5: Cafe Jaedicke

Foto: Ullstein Archiv, Axel Springer Archiv; Grafik: Annegret Richter



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Was ist übrig vom alten Zeitungsviertel

Ein Vorher Nachher Rundgang mit Historikerin Dr. Katja Roeckner – Quelle: Stefan Mair, Axel Springer Archiv, Ullstein Archiv


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    Berliner Abendpost

    Sie erschien im damals größten Zeitungsverlag Europas, dem Ullstein Verlag. Mit niedrigem Verkaufspreis erreichte sie breiteste Bevölkerungsschichten – Foto: Axel Springer Archiv

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    B.Z. am Mittag

    Ebenfalls bei Ullstein erschien die B.Z. am Mittag als erste deutsche Boulevardzeitung – Foto: Axel Springer Archiv

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    Vossische Zeitung

    Damals war sie die älteste Zeitung Deutschlands. Dennoch wurde die Vossische Zeitung von den Nazis gezwungen ihr Erscheinen einzustellen – Foto: Axel Springer Archiv

  • 4/5
    Berliner Tageblatt

    Es war das Blatt von Theodor Wolff. In Spitzenzeiten erreichte die bürgerlich-liberale Zeitung eine Auflage von 300.000 Exemplaren – Foto: Axel Springer Archiv

  • 5/5
    Katastrophenjournalismus

    Schockmeldungen aus der Frühzeit der Presse: Die deutschen Passagiere der gesunkenen Titanic – Foto: Axel Springer Archiv




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Besuch beim Theodor Wollf Biographen Prof. Bernd Sösemann

Was steht auf der unbekannten Karte und was hatte der Axel Springer Verlag mit dem Berliner Tageblatt vor? – Quelle: Stefan Mair, Bernd Sösemann


Zeitstrahl
Von Napoleons Aufmarsch in Berlin, den Bomben über Kreuzberg im Zweiten Weltkrieg bis zur Entstehung der Prinzessinnengärten am Moritzplatz: Eine Chronik über die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Oranienstraße

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