Konrad Zuse 1992 an der Oranienstraße 6, wo er seinen Z4 baute

Konrad Zuse 1992 an der Oranienstraße 6, wo er seinen Z4 bauteFoto: Horst Zuse

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gestern / Erfinder

„Oranien Valley" - ein Computer für Hitler

1992: Ein alter Mann steht an der Kellertreppe der Oranienstraße 6. Es ist der 85-Jährige Konrad Zuse, drei Jahre vor seinem Tod. In den letzten Weltkriegsjahren 1944/45 tüftelte er hier für die Nazis an einem der ersten Computer der Welt. ZOOM BERLIN sprach mit seinem Sohn und zeigt bislang unveröffentlichte Fotos und Dokumente.

Til Biermann Autor: Til Biermann
Es waren die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs. Während die alliierten Piloten Nazi-Deutschland mit ihren Fliegerbomben in die Knie zwingen wollten, tüftelte Erfinder Konrad Zuse versteckt im Keller der Oranienstraße 6 in den Jahren 1944/1945 an seinem Z4-Rechner, einem der ersten Computer der Welt. Konrad Zuses Sohn Horst Zuse (66) ist heute selbst Informatik-Professor. Er erzählt ZOOM BERLIN: „Aufgrund der Luftangriffe musste mein Vater alle wichtigen Gerätschaften in die Kellergewölbe der Oraninenstraße 6 schaffen. Seine große Produktionsstätte in der Kreuzberger Methfesselstraße, wo die anderen Maschinen standen, war schon 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden." Mit einem „Kriegsauftrag“ über 25.000 Mark vom Reichsluftfahrtsministerium ausgestattet, sollte Zuses Computer dem „Dritten Reich" auf dem Gebiet der Informationstechnologie Vorsprung gegenüber den Alliierten bringen. So hieß es in einem geheimen Schriftstück vom 1. November 1944: „Namens und im Auftrag des Reichs werden Sie hiermit mit Untersuchungen, Bau und Erprobung von Versuchssätzen für die mechanische Schaltgliedtechnik beauftragt."
Labor im Keller
Auch in der neuen Tüftler-Werkstatt konnte Zuse nicht ungestört arbeiten. So klagte er im August 1944 in einem Brief, der ZOOM BERLIN exklusiv vorliegt, an einen befreundeten Apparatebauer: „Ich bekam sofort sehr schöne Fabrikräume in der Oranienstr., welche einige Zeit später durch eine Luftmine stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.“ Den Brief schließt er dann als offenbar überzeugter Nationalsozialist „Mit deutschem Gruß!". Konrad Zuses Sohn hat diese Dokumente aufbewahrt, darunter auch das Foto seines Vaters im Hof der Oranienstraße 6, das im Jahr 1992 entstand. Horst Zuse sagt, wie die Computerproduktion in der Oranienstraße 6 ihr Ende nahm: „Am 16. März 1945, kurz vor Kriegsende, wurde die Maschine in 20 Kisten verpackt und zum Anhalter Bahnhof gehievt, in einen Zug nach Göttingen verladen, um sie vor der Zerstörung zu schützen."

Schon 1937 hatte Konrad Zuse in seinem Tagebuch festgehalten, was ihn seit langer Zeit umtrieb: „Seit einem Jahr beschäftige ich mit dem Gedanken des mechanischen Gehirns.“ Dann folgt in dem Tagebuch die „Erkenntnis daß es Elementaroperationen gibt, in die sich sämtliche Rechen- und Denkoperationen auflösen lassen.“

Z4-Rechner Fakten

Taktfrequenz: 35 Herz
Rechenzeiten: Addition: 1 Sekunde
Multiplikation: 2,5 Sekunden
Division und Wurzel ziehen: 5 Sekunden
Speicher: 64 Wörter, erweiterbar auf 1024 Wörter

Im Rückblick ein prophetischer Satz. Aber Zuses Z4-Maschine hatte fast nichts mit einem heutigen Computer gemeinsam. Sie brauchte 15 Quadratmeter Platz, die binären Rechenschritte wurden von 2200 Relais ausgeführt oder von Stahlkonstruktionen, wie an Vorgänger-Modell Z3 noch heute zu sehen ist. Konrad Zuse sollte die Z4 erst 1950 fertig stellen.

Zuses Pionierarbeit hat glücklicherweise dem Unrechtsregime nicht mehr zum Endsieg verhelfen können. Aber wer heute online die Oranienstraße erkundet, kann sich erinnern, wie primitiv und gleichzeitig genial das digitale Zeitalter seinen Anfang nahm.

Und Konrad Zuse? Er starb 1995 mit 85 Jahren in Hünfeld, seiner hessischen Nachkriegs-Wahlheimat. Heute gilt der Nazi-Erfinder aus der Oranienstraße als einer der Ur-Väter des Computers.


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    Konrad Zuse im Jahr 1944 im Keller der Oranienstraße 6

    Hier baute der Forscher an seinem Z4-Rechner – Foto: Technikmuseum Berlin

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    Das Logo des Zuse-Rechners Z4

    Der Rechner brauchte für eine Teilung fünf Sekunden – Foto: Horst Zuse

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    Konrad Zuse mit Studenten vor der Z4 in den 50ern im hessischen Neukirchen

    Hierhin wurde die Z4 nach dem Krieg gebracht – Foto: Horst Zuse

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    Kriegsauftrag der Sonderstufe aus dem Jahr 1944 für Konrad Zuse

    Er arbeitete für die Nationalsozialisten an der Z4 im Auftrag des Luftfahrtministeriums, bekam hier 25.000 Mark für die kriegswichtige Forschung – Foto: Technikmuseum Berlin

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    Tagebucheintrag Konrad Zuses vom 20. Juni 1937

    Hier philosophiert er erstmals über ein "mechanisches Gehirn", das er bauen will. Die "Erkenntnis, dass es Elementaroperationen gibt, in die sich sämtliche Rechen- und Denkoperationen auflösen lassen" ist wahrhaftig prophetisch – Foto: Technikmuseum Berlin

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    Das Rechnerungetüm Z3, der Vorgänger der Z4

    Viel Raum wurde gebraucht, um die ersten Rechner unterzubringen, denn das binäre Rechnen wurde von massiven Stahlkonstruktionen ausgeführt – Foto: Til Biermann


Brief von Konrad Zuse an einen Apparatebauer aus dem Jahr 1944. Absender: "SO 36, Oranienstr. 6" - Zum Vergrößern, drauf klicken - Exklusiv in ZOOM BERLIN

"Ich bekam sofort sehr schöne Fabrikräume in der Oranienstr., welche einige Zeit später durch eine Luftmine stark in Mitleidenschaft gezogen wurden", schreibt ZuseFoto: Horst Zuse


Zeitstrahl
Von Napoleons Aufmarsch in Berlin, den Bomben über Kreuzberg im Zweiten Weltkrieg bis zur Entstehung der Prinzessinnengärten am Moritzplatz: Eine Chronik über die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Oranienstraße

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