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gestern / Alternatives Kreuzberg

Sie träumten von einer besseren Welt

Ohne die Besetzerszene sähe die Oranienstraße heute trist und grau aus. Doch wie leben die ehemaligen Aktivisten jetzt? ZOOM BERLIN hat vier von ihnen getroffen.

Gäbe es die Pflasterstein-Hochzeit, Bernd Steinmeyer (61) und Dorle Rust (59) müssten sie feiern. Denn die beiden ehemaligen Hausbesetzer sind seit 40 Jahren ein Paar und seit bald 20 Jahren verheiratet. Zusammen haben sie die turbulenten Achtziger in den besetzten Häusern Kreuzbergs erlebt, Straßenschlachten mit der Polizei und schließlich die Rückkehr in ein erstaunlich bürgerliches Leben.

Aber wie kam es dazu, dass die beiden Hausbesetzer wurden?
„Wir wollten nicht so spießig leben wie unsere Eltern“, sagt Steinmeyer, der in einem niedersächsischen Dorf aufwuchs. Seine Mutter war eine hohe Funktionärin in der NS-Zeit. Über die düstere Vergangenheit herrschte zu Hause bleiernes Schweigen.
Eine paradoxe Situation
Steinmeyer träumte von einer besseren Welt, einer offenen Gesellschaftsform ohne Tabus. Die idealen Voraussetzungen dafür fand er in Westberlin. Gemeinsam mit seiner späteren Frau kam er für ein Praktikum in die Stadt. Die zwei Sozialpädagogen schlossen sich der Hausbesetzerbewegung an. Mit der politischen Linie konnten sie sich identifizieren: Warum herrschte damals Wohnungsnot bei gleichzeitig immensem Wohnungsleerstand? Aus ihrer Sicht war der Senat für diese paradoxe Situation verantwortlich.

Denn der war es doch, der die Anreize für Bauunternehmer schaffte, die alte Bausubstanz zu modernisieren oder abzureißen, sagen sie. Sanierungen wurden mit öffentlichen Geldern finanziert. Je heruntergekommener das betreffende Haus, desto höher der Gewinn. So kam es, dass ganze Häuserblocks gezielt heruntergewirtschaftet wurden. Durch die später oft luxuriösen Sanierungen stiegen die Mieten in den Bezirken, alteingesessene Bewohner konnten sich das Leben dort nicht mehr leisten und mussten wegziehen.

Mehr als dreißig Jahre später ist es kein Geheimnis, dass die Linie des damals konservativen Berliner Senats ein Fehler war, der gewachsene Stadtstrukturen unwiederbringlich zerstörte. Die Oranienstraße 13, das Haus, in dem Steinmeyer und Rust heute wohnen, stand auch auf der Abrissliste. Ein Autobahnkreuz sollte durch den Kiez verlaufen.
Politik mit dem Schlagstock
Die Hausbesetzer wehrten sich gegen diese Pläne und lieferten sich regelmäßig Straßenkämpfe mit der Berliner Polizei. Auch Steinmeyer und Rust beteiligten sich daran, illegale Taten glorifizieren sie heute ("Rechtsbruch lohnt sich."). Ihr Gegner war ein Senat, der seine Politik mit dem Schlagstock durchsetzte. Die autoritäre Linie bekam mit damaligen Innensenator Heinrich Lummer ein Gesicht. Bis heute wird der Politiker für den Tod des Hausbesetzers Klaus Jürgen Rattay verantwortlich gemacht. Er war bei einer gewaltsamen Hausräumung von einem Linienbus überfahren worden. Kaum ein Politiker ist bis heute unter Hausbesetzern ähnlich verhasst.

Heinrich Lummer

Mit dem früheren Innensenator Heinrich Lummer (79) bekam das Feindbild der Hausbesetzer ein Gesicht. Heinrich Lummer galt als konservativer Hardliner und geriet wegen politischer Fehltritte immer wieder in die Schlagzeilen. So pflegte der CDU-Mann engen Kontakt zum ehemaligen PKK-Chef Abdullah Öcalan. Im Jahr 2003 erlitt er einen Herzinfarkt und meidet seitdem die Öffentlichkeit.

Bald spaltete sich die Szene in zwei Lager. Die einen lehnten jeden Kontakt mit staatlichen Institutionen ab. Jene, die sich auf Gespräche einließen, bezeichneten sie als „Verhandlerschweine“. Wolfgang Färber alias Feps (54), der einen Cowbystiefel-Laden in der Oranienstraße 2 betreibt war ein solches „Verhandlerschwein", wie er heute lachend zugibt. „Wir waren die ersten Besetzer, mit denen der Senat jemals verhandelte“, sagt er. Als seine damalige Wohnung in Schöneberg geräumt und abgerissen werden sollte, forderten Färber und seine Mitstreiter vom Senat: „Entweder wir randalieren auf dem Ku’damm für zwei Millionen Euro oder ihr gebt uns eine Alternative“.

Die Taktik ging auf, als Ersatzwohnung wurde den Besetzern die Oranienstraße Nummer zwei überlassen. Hier wohnt Feps noch immer. „Im Dach war ein riesiges Brandloch, durch das man den Himmel sehen konnte. Hier hat es reingeregnet.“ Trotzdem sei dieses Haus von allen Angeboten des Senats noch das akzeptabelste gewesen, sagt er und einen finanziellen Vorteil brachte der desolate Zustand auch: Für die Zeit der Bauarbeiten wohnten die ehemaligen Besetzer mietfrei. Eine ähnliche Geschichte, wie sie auch Markus Ghazi ZOOM BERLIN erzählt. Er wohnt seit 1981 im selben Straßenzug – dem Block 103.
Sie ertränken den Kummer in Alkohol
Mitte der Achtziger Jahre wurde ein Großteil der besetzten Häuser auf der Oranienstraße und in der näheren Umgebung legalisiert. Für die meisten Hausbesetzer in der Gegend bedeutete dieser Schritt, dass die Wohnungsbaugenossenschaft Luisenstadt eG das Haus kaufte und die Wohnungen dort bis heute vermietet.

Letztendlich gibt es dank der Hausbesetzer noch heute eine historisch gewachsene Stadtstruktur in der Oranienstraße. Der revolutionäre Geist von damals aber ist verflogen. Einige der Aktivisten, die sich mehr vom Leben in der Gemeinschaft erhofft haben, sieht man nun täglich in den Bars der Oranienstraße. Dort ertränken sie ihren Kummer über die geplatzten Träume in Alkohol.

Steinmeyer (61) kennt diese traurigen Schicksale, er und seiner Frau sind jedoch nicht abgerutscht. Mittlerweile arbeitet er sogar als Berater für SAP. „Dieser Wunsch nach einem behüteten Kollektiv war sowieso illusionär", sagt er.
Schatz, für Dich werd ich zum Hausbesetzer!
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Schatz, für Dich werd ich zum Hausbesetzer!

Dorle Rust und Bernd Steinmeyer sind Hausbesetzer und seit 40 Jahren ein Paar. Sie sind stolz auf ihre Vergangenheit. Die ein oder andere Demo hätten sie im Nachhinein dann aber doch lieber gegen einen Strandurlaub eingetauscht – Quelle: Lucas Negroni


Verliebt, auch nach 40 Jahren im besetzten Haus.
Verliebt, auch nach 40 Jahren im besetzten Haus.

Dorle Rust und Bernd Steinmeyer sind seit rund 40 Jahren ein Paar. In den besetzten Häusern gab es allen Grund, eifersüchtig zu werdenFoto: Lucas Negroni


Blick ins Familienalbum
Blick ins Familienalbum

Liebe in Zeiten der Hausbesetzung - Bernd Steinmeyer und Dorle Rust leben seit rund 40 Jahren zusammenFoto: Lucas Negroni


So sah die Oranienstraße 13 früher aus
So sah die Oranienstraße 13 früher aus

Ein Blick ins Fotoalbum von Dorle Rust und Bernd Steinmeyer zeigt, wie heruntergekommen die Oranienstraße 13 im Jahr 1986 aussahFoto: Lucas Negroni



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Zum Kaffee beim Hausbesetzer

Wie sieht es in der Wohnung eines Hausbesetzers aus? Ein Besuch bei Markus Ghazi, der seit 1981 in der Manteuffelstraße 40 wohnt – Quelle: Lucas Negroni. Mit Material von: Manco e. V. mit freundlicher Genehmigung der Luisenstadt eG


Feps vor seinem Laden

Zigarettenpause vor dem Saloon - 20 Jahre schon verkauft Feps hier CowboystiefelFoto: Anja Richter


Zeitstrahl
Von Napoleons Aufmarsch in Berlin, den Bomben im Zweiten Weltkrieg und den Krawallen am Ersten Mai in Kreuzberg bis zur Entstehung der Prinzessinnengärten am Moritzplatz: Eine Chronik über die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Oranienstraße

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