Türkischer Glücksbringer bei Smyrna

Türkischer Glücksbringer bei SmyrnaFoto: Anja Richter

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gestern / Einwanderergeschichten

Vom Orient in die O-Straße

Wie keine andere Straße zeigt die O, wie sich das Leben Kreuzberger Türken verändert hat. Ali (63), Ayse (42) und Zehra (25) erzählen, warum das so ist.

Der Gastarbeiter
Ali Riza Durmus (63) zieht fest an seiner Wasserpfeife. Die Flüssigkeit im gold-blauen Glasbehälter blubbert, weißer Rauch weicht aus Durmus' Nase. Gemütlich lehnt er sich zurück. Es ist Mitte Juni, weshalb er den großen Fernsehsessel aus grauem Leder vor seinen kleinen Laden gestellt hat. Seit dreißig Jahren ist er selbstständig, betreibt die türkische Bäckerei „Güllüm“ gleich um die Ecke der Oranienstraße, am Kottbusser Tor.

Am 21. September 1971 kam er nach Deutschland. Seine Frau (61) hatte ihm eine Einladung geschickt. Sie war schon zwei Jahre zuvor als Gastarbeiterin nach Berlin gekommen. Ihren Vornamen nennt sie nicht und auch Fotos sind nicht erwünscht. „Sag einfach Frau Durmus – ich bin seine Ehefrau“, sagt sie.

Am 30. Oktober 1961 hatten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. Die deutsche Wirtschaft boomte, suchte aber billige Arbeitskräfte, während in der Türkei vor allem junge Menschen erwerbslos waren. In Folge des Ländervertrags bewarben sich bis 1973 mehr als zweieinhalb Millionen Türken um eine Arbeitserlaubnis. Jeder Vierte wurde genommen - darunter Frau Durmus und ihr Mann.

Bevor die Gastarbeiter nach Deutschland einreisen durften, fand in der Türkei eine regelrechte Leibesvisite statt. Alle Anwärter mussten sich entkleiden, was vor allem für die Frauen erniedrigend gewesen sein muss. „Die Ärzte haben in alle erdenklichen Körperöffnungen gesehen. Im Mund haben sie die Zähne kontrolliert, das Haar haben sie untersucht und unter die Fingernägel schauten sie", erinnert sich Frau Durmus. Sie war gesund, also waren die Ärzte freundlich zu ihr.

Ihr erster Stundenlohn betrug 2,50 DM bei der Telefongesellschaft DTW. Im Akkord friemelte sie feine Drähte in Telefonapparate, die ganze Zeit eine kleine Klemmlampe im Auge, von der sie Kopfschmerzen bekam. Deshalb wechselte sie nach einem Jahr die Arbeit. Bis ihr Mann und sie sich selbstständig machten, sollte sie noch bei vielen Fabriken am Fließband arbeiten. Viele Firmen gingen pleite und Frau Durmus musste sich wieder eine neue Stelle suchen.

Um ihre zwei Kinder Berrin (43) und Hakan (39) zu ernähren, arbeitete ihr Mann Ali tagsüber als Lieferwagenfahrer. Nachts putzte er Kaufhäuser. Für Deutschkurse hatten er und seine Frau weder Geld noch Zeit. „An jeder Haustür, an die ich etwas geliefert habe, habe ich ein deutsches Wort gelernt. Zwanzig Haustüren pro Tag, 100 in der Woche – kannst du ausrechnen, wie schnell ich Deutsch gelernt habe!“, sagt er und lacht verschmitzt.

Glücklich ist er nicht in Deutschland, aber in der Türkei möchte er auch nicht leben. Sein Heimatdorf in der Provinz Sivas in Zentralanatolien hat er seit 1971 nur einmal besucht, im Mai 2011. „Der Abend war noch schön, doch in der Nacht schneite es. Das war so schrecklich, alles matschig. Da bin ich gleich am nächsten Tag wieder abgereist und schnell nach Deutschland zurück!“

Frau Durmus reist noch manchmal nach Istanbul, um Freunde und Verwandte zu treffen. Vermisst sie die Türkei? „Überall kann man Sehnsucht haben. Aber es bringt nichts, wenn man kein Geld hat“, sagt sie und schüttelt leicht den Kopf.

Kreuzberg ist ihre Heimat geworden: Familie Durmas wohnt in der nahgelegenen Naunystraße, jeden Morgen gehen sie durch die Oranienstraße zu ihrem „kleinen Tante Emma Laden“, wie ihn Frau Durmus nennt. Die O mag sie sehr. „Früher war die Straße sehr heruntergekommen. Doch nun ist sie lebendig, so viele junge Menschen, schöne Läden und kleine Cafés.“ Sehr gerne möchte sie dort auch mal einen Nachmittag sitzen und einen Kaffee trinken. Zeit dafür hat sie nicht. „Der Laden muss laufen. Aber wenn ich in Rente bin, dann mache ich das.“
Die Existenzgründerin
Nur wenige Meter weiter, in der Oranienstraße 27, riecht es wie auf einem orientalischen Basar: Der Duft von frisch gemahlenem Mokka, von süßlichem Trockenobst und gerösteten Nüssen liegt in der Luft. Ayse Kuçuk (42) steht im Türrahmen ihres Geschäftes und lässt den Blick über die belebte Straße schweifen. Sie sieht zufrieden aus, und sie hat einen Grund dazu: Vor mehr als zehn Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Neffen den Feinkostladen Smyrna Kuruyemis gegründet- und genau das hat sich zu einem zentralen Treffpunkt der Kreuzberger entwickelt.

corner Smyrna ist der griechische Name von Izmir. – Ayse Kuçuk play AudioCite1


Aus der türkischen Stadt kommt ihr Mann, der Vater ihrer Töchter Nilsu (12) und Asya (10), Kuçuk kommt aus Mittelanatolien. Mit ihrer Mutter und ihrer Schwester kam die Unternehmerin im Jahr 1980 nach Berlin, ihr Vater war hier bereits als Gastarbeiter tätig. Fühlt sie sich eher deutsch oder türkisch? „Weil ich schon als Siebenjährige hier herkam, bezeichne ich mich als türkische Berlinerin“, sagt Kuçuk.
Die Studentin
Jedes Ziel einer Stadtführung von Zehra Yilamz (25) ist der Laden von Ayse Kuçuk. "Die Touristen, die ich durch den Kiez führe, sind an allem Ausländischen interessiert", sagt die junge Türkin. Oder Deutsche? Die Jura-Studentin ist in Berlin geboren, hat ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht - die Türkei ist ihr mehr fremd als vertraut. "Mein Leben richte ich einfach multikulturell aus", sagt Zehra. So müsse sie sich wenigstens nicht auf eine Kultur festlegen. Und sowieso: Sie isst gerne italienisch, spricht fließend französisch und ihr Freundeskreis kommt ohnehin aus der ganzen Welt.

Sie versteht sich als moderne, junge Frau, deren Wurzeln in der Türkei liegen, deren Leben aber in Deutschland spielt. Sie versucht, die Traditionen beider Kulturen miteinander zu vereinbaren. Zehra trägt Kopftuch, aber nicht etwa, weil ihr Vater, ein ehemaliger Gastarbeiter, es von ihr verlangt hat - sondern weil es ihre eigene Entscheidung gewesen ist. "Für mich hat das Tragen des Tuches einen religiösen Hintergrund, es ist mir wichtig. Ich trage es mit Stolz."
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Ali Riza Durmus (64) ist Einwanderer erster Generation

1971 kam er als Gastarbeiter nach Deutschland, heute betreibt er eine Bäckerei am Kottbusser Tor. Eine kurze Pause für einen Zug an der Wasserpfeife muss aber immer drin seinFoto: Viktoria Dümer


Mandeln aus Kalifornien

Die Nüsse importiert Asye Kucuk aus der ganzen Welt: Die Paranüsse kommen aus Indien, die Walnüsse aus Kanada und die Mandeln stammen aus KalifornienFoto: Anja Richter


Ein Herz für Nüsse: Ayse Kuçuk

Seit 2001 verkauft die Einwanderin der zweiten Generation Köstlichkeiten aus aller Welt. Sie kam schon als Kind nach BerlinFoto: Viktoria Dümer



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Die Geschichte von Ayse Kuçuk

Ayse Kucuk kam in den 1980er Jahren nach Berlin. Heute führt sie das Nussgeschäft Smyrna Kuruyemis in der Oranienstraße 27 – Quelle: Anja Richter


Türkische Teekultur

Zu Nüssen und landestypischen Gerichten reicht Ayse Kuçuk schwarzen TeeFoto: Anja Richter



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Multikulturell mit Kopftuch

Zehra Yilmaz erzählt von ihrem Leben zwischen den Kulturen und erklärt, welchen Platz die O darin hat – Quelle: Viktoria Dümer (Redaktion), CCBY-SA


Spaziergang durch die O

Zehra zeigt einer Touristengruppe KreuzbergFoto: Anja Richter


Zehra Yilmaz (25)

Eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln: Zehra Yilmaz (25). Ihre Eltern kommen aus Konya, sie aber hat noch nie in der Türkei gelebtFoto: Anja Richter


Zwei Länder, ein Stadtteil

Die türkische und deutsche Fahne im Innenhof des Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzerg: Hier arbeitet Zehra als Stadtteilführerin.Foto: Viktoria Dümer


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