Kinder in Kreuzberg

Kinder auf dem FotoFoto: Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg

storymap Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot Hotspot

gestern / Erinnerungen

Zwischen Himmel und Hölle

Sie kannte sie noch, die alte, herrschaftliche Oranienstraße. Dann kamen die Bomber. Dabei erlebte Ursula Zaiser (75) Dinge, die sich keiner der Bewohner heute vorstellen kann. Trotzdem hatte sie als kleines Mädchen keine Angst - bis zu dem Tag, als der Krieg vorbei war.

124 Kilometer lief Ursula Zaiser, als der Krieg zu Ende war. Im Februar hatten die Alliierten Kreuzberg bombardiert, die Wohnung ihrer Familie zerstört.

Danach war ihre Mutter, eine Fernschreiberin, in den Wirren der letzten Kriegswochen nach Cottbus versetzt worden. Ihre einzige Tochter, die neunjährige Ursula hatte sie mitgenommen.

Jetzt, da dieser schreckliche Krieg endlich vorbei war, wollten sie nur eines: Zurück nach Berlin. Zum Moritzplatz. Zur Annenstraße. Hauptsache nach Hause.

Viel hatten sie nicht. Ein bisschen Kleidung, ein wenig Essen, ein kleines Funkradio und Federbetten. Auf diese passte ihre Mutter auf, daran erinnert sich Frau Zaiser (75). Die durften nicht eingetauscht werden. Frau Zaisers Puppen durften schon.
Ein Weg über Leichen
Die Mutter tauschte beide gegen einen alten Kinderwagen, um darin die paar Habseligkeiten zu transportieren, die ihnen geblieben waren. Die Federbetten waren zu groß, zu sperrig, verhedderten sich in den Speichen. Die Reifen klemmten. Die kleine Ursula weinte.

Über viele Leichen stiegen sie. Gefallene Soldaten: Russen und Deutsche.

Schön war’s nicht, sagt Frau Zaiser.
Die Russen holten ein junges Mädchen
Sie liefen und liefen. Viele Leute gingen mit ihnen, sie alle wollten zurück nach Berlin. Geschlafen wurde in Scheunen, zu denen nachts die Russen kamen. Einmal holten sie ein junges Mädchen. Sie schrie, als die Männer sie nach draußen zerrten. Drinnen warteten die anderen Frauen und lauschten den Schreien. Als ein Schuss fiel, dachten alle, die Soldaten hätten ihr Opfer erschossen. Doch wenig später kam sie zurück, schluchzend und zitternd. Nach dieser Nacht hatten Ursula Zaiser und ihre Mutter Angst, weiterhin dort zu schlafen, wo die anderen Frauen waren. In der nächsten Nacht versteckten sie sich in den Büschen im Wald und schliefen unter freiem Himmel. Die Decken wärmten sie.
Fast alle Nachbarskinder waren tot
Der Marsch war lang, die Füße müde. Ursula Zaiser dachte an ihre Clique, die Nachbarskinder in der Annenstraße. Wie die Wilden waren sie zusammen durch die Straßen getobt, hatten Höhlen in den Trümmern gebaut und sich am Feuer gewärmt, als in ihrem Kiez ab 1944 die Häuser brannten. Ursula hatte viele Freundinnen. Bis zu dem Tag, als auch ihr Wohnhaus getroffen wurde. Fast alle waren im Keller, wurden verschüttet. Nur sie nicht. „Plötzlich stand ich ohne Freunde da.“

Rosa Crème bei Wertheim - die vermisst sie noch heute. Eine zuckersüße Mehlspeise, die im Cafè am Moritzplatz in hohen Gläsern serviert wurde. Wertheim war eines der eleganten Kaufhäuser in der Oranienstraße. Und wenn Frau Zaisers Mutter frei hatte, dann nahm sie ihre vierjährige Tochter manchmal mit dorthin. "Schick, aber unbequem war es dort", sagt Frau Zaiser. Die Eisenstühle drückten, die Tische waren zu klein. Aber die rosa Crème, die schmeckte ihr.

corner Die Crème war süß und ist auf der Zunge so richtig warm den Hals herunter gelaufen - das war herrlich! Das ist die einzige große Erinnerung. – Ursula Zaiser play AudioCite1
Ein Radio für Marmelade
So was gab es natürlich nicht im Mai 1945 auf dem Weg nach Hause. Da aßen sie, was zu kriegen war. Grüne Bohnen in Einweckgläsern, die hatten sie dabei, und eben das, was sie eintauschen könnten. Das Radio gab die Mutter in Burg im Spreewald für ein paar Gläser Marmelade.

Nach fünf Tagen kamen sie an. Endlich in Berlin. Die Stadt, ihr Kiez waren zerstört. Vor den zertrümmerten Häusern in der Oranienstraße, am Moritzplatz und in der Annenstraße standen Tafeln mit drei Spalten: Eine für die Namen der Toten, eine für die der Vermissten - und eine für die, die noch lebten.

Frau Zaiser und ihre Mutter trugen sich in die dritte Spalte ein. Dann gingen sie nach Lankwitz zu Verwandten. Dort begann ihr Leben nach dem Krieg.


Get the Flash Player to see the video.
Zwischen Himmel und Hölle - Ursula Zaiser erzählt von ihren Kindheitserinnerungen im Krieg

Sie spielte in den Ruinen und sah zu, wie die Häuser in der O brannten – Quelle: Viktoria Dümer (Redaktion), Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg, Landesarchiv Berlin, Archiv H. Klünner



Kinder auf Trümmerbergen

Viele Häuser in Kreuzberg wurden bei den schweren Bombardements im Februar 1945 zerstört. Die Ruinen wurde zu gefährlichen Spielplätzen, nicht selten brach ein Kind ein und wurde verschüttetFoto: Landesarchiv Berlin




Get the Flash Player to see the video.
Cocktails statt Pumps

In der Bar Luzia war früher der erste Laden der Schuhfirma Leiser. Im Video erzählt Ursula Zaiser (75) wie er ausgesehen hat – Quelle: Viktoria Dümer (Redaktion), Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg



Kaufhaus Wertheim

Oft ging Ursula Zaiser mit ihrer Mutter in das elegante Kaufhaus Wertheim Foto: Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg



Das Café am Moritzplatz

Hier aß Ursula Zaiser 1940 ihre Lieblingsspeise: Rosa CrèmeFoto: Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg



Nach dem totalen Zusammenbruch

Kreuzberg gleicht einem TrümmerfeldFoto: Landesarchiv Berlin



Zeitstrahl
Von Napoleons Aufmarsch in Berlin, den Bomben über Kreuzberg im Zweiten Weltkrieg bis zur Entstehung der Prinzessinnengärten am Moritzplatz: Eine Chronik über die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Oranienstraße

Kommentare

comments powered by Disqus