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Straßenschild mit Schuhen

Straßenschild mit SchuhenFoto: Riza-Rocco Avsar

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heute / Vernetzt statt anonym

Auf gute Nachbarschaft

Nachbarschaft in der Großstadt ist vor allem eines: anonym. Man kennt sich nicht untereinander, sieht sich maximal im Treppenhaus. Kaum jemand kennt den Menschen, der direkt nebenan wohnt. Doch trifft dieses Phänomen auch auf die Oranienstraße zu?

Coiffeur Selim, Oranienstraße 179: Da steh ich nun, als blonde Frau im Laden eines alteingesessenen, türkischen Herren-Friseurs. Und ich weiß nicht, wer sich unwohler fühlt – die vier Friseure, die Herren auf den Stühlen oder ich. Doch um die Nachbarschaft auf der Oranienstraße zu erkunden, bleibt eben nur eines: ab auf die Straße und Menschen finden, die über sich und ihre Nachbarn sprechen wollen.
Nachbarschaft verschwindet nicht, sondern nimmt neue Formen an
Am besten wäre eine junge Familie, die mit benachbarten Familien haushaltsübergreifende Hilfsnetze organisiert, um Hausarbeit, Kindererziehung und Berufstätigkeit besser vereinbaren zu können. Dazu noch einen Oranienstraßenbewohner mit Migrationshintergrund, der enge Kontaktnetze mit anderen Zuwanderern unterhält.
Schon gewusst?

Das Wort Nachbar hat seinen Ursprung im westgermanischen „naehwa-gabur(on)“, bestehend aus naehwa „nahe“ und ga-bura „Mitbewohner der Dorfgemeinschaft”.

Und einen älteren Menschen, der auf die Hilfe und soziale Nähe von Nachbarn angewiesen ist. Denn genau das sind laut Prof. Dr. Walter Siebel von der Universität Oldenburg drei Nachbarschaftstypen, die heute und auch in Zukunft in modernen Großstädten existieren werden. Nachbarschaft verschwindet keineswegs, sondern nimmt neue Formen an.

Die Suche nach Interview-Partnern auf der Oranienstraße ist schwieriger als gedacht. Ob Kontakte über das Quartiersmanagement und den Nachbarschaftsverein Kotti e.V., Gespräche mit Geschäftsleuten und Restaurantbesitzern, Flyer-Aktion und Abfangen der Bewohner vor den Haustüren: Trotz Charmeoffensive will niemand so richtig mitmachen und Einblicke in sein Privatleben gewähren. Sei es aus Desinteresse, Scham oder aus Angst als „Quoten-Migrant“ benutzt zu werden. Irgendwie verständlich. Die Touristen sind ja schon schlimm genug, wenn sie ungefragt die Objektive auf die O-Straßen-Bewohner richten, wie auf Tiere im Zoo.

Immerhin bestätigt Yilmaz, Besitzer vom Spätkauf 36 in der Oranienstraße 202, das starke Netz unter Nachbarn und Geschäftleuten: „Hier kennt jeder jeden!“ Ob Freunde, Verwandte oder importierte Nachbarschaften (die Nachbarn, die aus dem Heimatland mitgebracht wurden) – man trifft sich zum Plausch, privat oder auf der Straße und hilft sich in allen Lebenslagen.

Allerdings müssen Bekannte nicht immer Freunde sein. Die beiden indischen Restaurantbesitzer von nebenan sollen ihren Konkurrenzkampf offenbar nicht nur auf den Preiskrieg beschränken. Sogar die Fetzen beziehungsweise die Einrichtungsgegenstände seien schon geflogen.
Zahlen belegen zufriedene Nachbarn auf der Oranienstraße
Dennoch scheint die Mehrheit der Anwohner in der Oranienstraße mit ihren Nachbarschaftskontakten sehr zufrieden zu sein. 2008 ergab eine repräsentative Studie, dass rund 74 Prozent der Menschen die bestehende Vernetzung mit ihren Nachbarn gefällt bzw. „einigermaßen gefällt“ und 35 Prozent sehr engen Kontakt zu ihnen pflegen (Sozialuntersuchung Luisenstadt 2008, TOPOS Stadtforschung).

Zu ihnen gehört auch Jürgen Büsselberg (60) aus der Oranienstraße 172. „Anonymität in der Großstadt“ - nicht im vierstöckigen Haus über dem Safran. Vor knapp 20 Jahren zog er in das Haus und kennt deshalb seine Nachbarin Medea (22) seit ihrer Kindheit. Zu Weihnachten und Geburtstagen bekam Jürgen von Medea hin und wieder ausrangierte Kuscheltiere geschenkt. Klar, denn wer hat als Kind schon die finanziellen Mittel für andere Präsente. Heute ist Medea Artistin und Model, an der Oranienstraße schätzt sie eines besonders:

corner Du kannst hier über die Straße gehen - ungeschminkt, in Jogginghose - es kuckt keiner. Das ist sehr angenehm. – Medea Paffenholz play AudioCite1


Mehr Geschichten über die innige Nachbarschaft von Jürgen und Medea sehen Sie in unserer Slideshow links.

Hin und wieder wirft Jürgen aber auch einen Blick auf die Menschen im Haus gegenüber. Über dem Luzia hat er Veränderungen beim Mobiliar bemerkt: „Hey, die haben einen neuen großen Fernseher!“ Doch auch Jürgen wurde beobachtet. Die Friseurin aus dem Dachgeschoss schräg gegenüber sprach ihn zum Beispiel auf eine Party an, „was denn da los war bei ihm, so viele Leute“.

Und auch die anderen Nachbarn im eigenen Haus können ihr Privatleben nicht wirklich vor Jürgen und Medea verbergen, wie das lustige „Berufe-Raten“ beweist (Audio-Clip).

Hinter den Mauern der Oranienstraße 172 verbirgt sich jedoch nicht nur eine etwas verrückte Hausgemeinschaft, sondern auch eine traurige Geschichte. Jürgen Büsselberg erinnert sich an die türkische Familie die einst im unter ihm wohnte (Audio-Clip).
Architektur der Oranienstraße spricht gegen Anonymität
Solche schweren Gewalttaten sind jedoch eher die Ausnahme in der Oranienstraße. Trotz Armut und mangelnder Bildung sei die Kriminalitätsrate vergleichsweise niedrig, wie Kriminalhauptkommissar Frank Hempe vom Dezernat 5 Verbrechensbekämpfung erklärt. Auch die geringe Anonymität unter den Bewohnern der Oranienstraße konnte er bestätigen.

Das liegt zum einen an der geringen Fluktuation der Mieterschaft und zum anderen an dem von Altbauten geprägten Straßenbild. Lediglich sieben Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit Todesfällen in Wohnungen der Oranienstraße sind im vergangenen Jahr von der Polizei geführt worden. In allen Fällen betrug der Zeitraum zwischen dem Todeseintritt und dem Auffinden des Verstorbenen weniger als drei Tage. Die Wahrscheinlichkeit, dass Tote erst Wochen oder Monate später in verheerendem Zustand entdeckt werden, hält Hempe in diesem Umfeld für unwahrscheinlich.

Die Nachbarn in der Oranienstraße scheinen ein Auge aufeinander zu haben.
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Straßenumfrage

Straßenumfrage: Wie gut kennen Sie eigentlich Ihre Nachbarn? – Quelle: Alexandra Grauvogl







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Nachbargeschichte Jürgen und Medea

Von wegen Streit um den "Maschendrahtzaun" - so kann Nachbarschaft auch sein: Jürgen Büsselberg kennt seine Nachbarin Medea von Kindesbeinen an – Quelle: Alexandra Grauvogl







Kunst im Hinterhof
Kunst im Hinterhof

Na, können Sie sich vorstellen, was dieses Kunstwerk im Hinterhof der Oranienstraße 172 bedeutet? Zur Auflösung des Rätsel klicken Sie auf den Audio-ButtonFoto: Nadja Lucas



blindenschrift.mp3
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Beruferaten

Jürgen und Medea raten die Berufe ihrer NachbarnFoto: Nadja Lucas


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Eine Familientragödie aus der Oranienstraße 172

Jürgen Büsselberg erzählt eine traurige Geschichte über eine ehemalige Nachbarfamilie aus der Türkei – Quelle: Alexandra Grauvogl


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