Ein schwarzer 3er BMW auf der Oranienstraße

Foto: Jan Vollmer

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heute / Musik

Der Soundtrack der O-Straße

Gäbe es zur Oranienstraße ein Musikalbum - es wäre wie der Soundtrack zu einem Quentin-Tarantino-Film: völlig verschiedene Songs, Polit-Rock, Punk, House, die doch ein Gefühl auf den Punkt bringen.

Jan Vollmer Autor: Jan Vollmer
Betritt man die Oranienstraße von Osten, rennt man der Hardcore-Szene direkt in die tätowierten Arme. Vor dem Plattenladen CoreTex sitzen gegen Abend meist vier bis fünf Männer mit schwarzen Lederwesten, Ohrringen und Cowboystiefeln und drehen Zigaretten. Sie reißen Witze, lachen darüber und gucken Passanten hinterher. Im Schaufenster hängen schwarze T-Shirts mit weißem Schlagring-Print, darunter steht „Welcome to Kreuzberg“.

Im Laden singt eine raue, düstere Stimme von Schweinen. Auf den ersten Blick wirkt es grob, aber das ist genau das Image, mit dem der Laden spielt. Das Schlagring-Shirt gibt es mittlerweile auch mit den Texten: „Welcome to Hamburg“ oder „Welcome to Berlin“. Daneben hängen „Vegan Wristbands“ – Stachelarmbänder aus Sythetik statt Leder. Aber es geht hier nicht um Vergangenheit und Klischees: Jedes Jahr beim MyFest wird hier eine Bühne aufgebaut, und dann sind es nicht vier oder fünf Typen mit Lederwesten, sondern 400 oder 500.
Krawall – eine Melodie der Oranienstraße
Das, was CoreTex verkauft, hat sich ein paar hundert Meter die Straße hinauf, im SO36, hinter dem Heinrichplatz, entwickelt: Punk. Der Punk im SO36 hat Geschichte und manchmal steht die sogar selbst auf der Bühne, wie im Dezember 2010, bei einem Konzert der Hamburger-Punk-Band Slime. Hier klingt die Oranienstraße wieder wild wie in den 80ern – mit Songs aus den 80ern: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“, schreit der Alt-Punk Dirk Jora ins Mikrofon und später zertrümmern die Fans Fensterscheiben, bewerfen die Polizei mit Steinen und zünden Mülltonnen an, wie in alten Zeiten. Eine Melodie der Oranienstraße: rhythmische Polizeistiefel und gebrüllte Kommandos, das Knacken und Brechen einer Fensterscheibe, Parolen aus alten Liedern.

Krawall ist das, was auf den Tarantino-Soundtracks die Oldies sind: irgendwie romantisch, mit dem Charme des wilden Gestern. Die heimlichen Helden der randalierenden sind die Demonstranten und Hausbesetzer der 70er und 80er, die heimlichen Helden der Band sind die Großväter des Kreuzberger Protestlieds: Ton-Steine-Scherben. Die Bands auf den Lautsprecherwagen der „Revolutionären 1. Mai Demos“ versuchen bis heute das revolutionäre Moment mit „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ zu wecken. Aber auch die älteren O-Straßler, die Zeitzeugen der Besetzungen und Straßenschlachten, lächeln entrückt, wenn sie an die Lieder der Scherben erinnert werden. Ach, die Scherben.
Jakob Friderichs

Gitarrist bei Element of Crime. In der Fabriketage seines Vaters gründete sich 1970 die Band Ton-Steine-Scherben.

Die Scherben haben sich 1970 in der Oranienstraße 43 gegründet, in der Fabriketage von Kad Friderichs und Kreuzberg einen Mythos geschenkt, von dem es heute noch zehrt. Sei es wegen der griffigen Texte oder der Gitarren-Riffs, wie Jakob Friderichs sagt.
Eskalation auf der Tanzfläche
Aber die Oranienstraße ist nicht in den 80ern stehengeblieben. „Läden wie die hätten wir damals zertrümmert, die hätte es hier gar nicht geben können“, erzählt eine Alteingesessene, denn jetzt ist die Oranienstraße hip. Im Design-Cafe Luzia, zwischen Heinrichplatz und Oranienplatz, hört man das an den gefälligen, lockeren House-Tracks, die tagsüber im Hintergrund, abends prominenter gespielt werden. Man trägt zerschlissene T-Shirts, aber dezent zerschlissen, ein bisschen am Kragen, ein bisschen am Saum. Hier und da hört man einen Cockney-Akzent im Englisch. Beim MyFest geht es auf der Bühne vor dem Luzia um Spaß, die Stimmung eskaliert nur auf der Tanzfläche. Aber die Luzia-House- und SO36-Punk-Songs auf dem Oranienstraßen-Album widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich: Ohne Punk und Polit-Rock wäre der House-Track nicht hier. Und ohne die House-Tracks wären Punk und Polit-Rock nur nostalgisch, das SO36 wäre eine gute Ecke leerer und CoreTex würde weniger T-Shirts verkaufen.

Stilformen verschwimmen in der Oranienstraße, weil sich auch irgendwie alles aufeinander bezieht:
Eno Wohlgemuth

Rappt bei der Gruppe Medienwirksam. Er ist das erste Kind, dass 1981 in einem besetzten Haus geboren wurde.

Eno Wohlgemut (31) rappt bei der Kreuzberger Gruppe Medienwirksam. In seinen Texten thematisiert er aber auch die Vergangenheit der Straße in Zeilen wie „Was ist da Vermächtnis von 68, durchquatsche Nächte und immer noch kein Ende“. Tatsächlich könnte er kaum direkter mit der Polit-Rock Generation verbunden sein.
Zwischen Polit-Rock und 90er Rap
Zurück auf der Straße. Was ist das für ein Lied, das da aus dem schwarzen 3.16er BMW an der Ampel wummert? Rap, türkischer Rap? Es ist schwer zu erkennen, aber es könnte Islamic Force sein, Killah Hakan solo oder Fuat. Denn so klingt ein anderer Track der Oranienstraße: Der Rap der 90er. Aber auch diese Bewegung ist in der Oranienstraße längst zum Mythos stilisiert worden: Die Staßengang 36Boys (Thirty-Six-Boys) ist seit 2005 ein geschütztes Modelabel, dass Streetwear per Versandhandel verkauft. Einige MCs aus dem Kiez sind groß geworden, wie Kool Savas, andere haben ihre Nischen gefunden, wie Volkan T:
Volkan Türeli

Volkan T ist 1997 nach Kreuzberg gekommen. Er hat mit fast allen Kreuzberger Rappern Musik produziert und arbeitet mit Jugendlichen im Ballhaus Naunynstraße.

Für ihn ist der Rap der „Post-Migranten“ nicht weniger politischer Ausdruck als die Refrains der Scherben. Das unterschwellige Thema dieser Musik ist nicht das „Wir gegen das System“ aus dem SO36 oder das Hardcore–Image aus dem CoreTex. Das Thema ist mehr „Ich“, mehr „Straße“, aber nicht so viel „BlingBling“ wie im US-Rap der Charts, sondern rauer. Aber es hat auch seinen Platz im Sound der O-Straße. Ohne den Rap würde der O-Straße eine Generation fehlen.

Zusammen klingt die Straße nach dem Gefühl mitten im Leben zu sein, da wo es abgeht. Trotz all des Szene-Geredes darf man die Oranienstraße aber nicht falsch verstehen: Irgendwo, zwischen den hinteren Tracks der Platte, findet sich noch ein naives Akkordeon-Stück, unterbrochen von Kinderlachen. Das sind die beiden Jungs, die fast täglich auf der Oranienstraße unterwegs sind und sich von all den alten und jungen Szene-Menschen etwas Kleingeld schenken lassen. Müssten die jetzt nicht in der Schule sein?
Soundtrack der Oranienstraße
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Wie Protestlieder gestrickt sind

Sind es die Texte oder die Gitarrenriffs? Die Kreuzberger Rapper Eno (Medienwirksam) und Volkan T diskutieren auf der Oranienstraße mit Jakob Friderichs (Element of Crime) darüber, welche Protestsongs bleiben – Quelle: Jan Vollmer


Soundtrack der Oranienstraße
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Rebellion? Gegen wen denn?

Nur wer eingesperrt wird, kann ausbrechen. Eno, Volkan T und Jakob reden auf der Oranienstraße darüber, ob es den Jüngeren einfach zu gut geht, um aufzubegehren – Quelle: Jan Vollmer







Den Song „Tanz den Sarrazin“ produzierte Volkan T als Begleitmusik zu dem Buch: „Deutschland erfindet sich neu. Manifest der Vielen“ einer Antwort von 30 Autoren mit Migrationsbiografie auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab.“

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