Blick auf die Oranienstraße
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heute / Im Gespräch mit Quartiersmanagerin Laila Atrache-Younes

Oranienstraße - Eine Insel im Quartier

Szene-Liebling der Kreuzberger und vieler Touristen: In der Oranienstraße lässt es sich gut feiern. Doch nur ein paar Meter weiter wird die Hipster-Gegend zum Problemkiez. Einblicke in die Arbeit von Quartiersmanagerin Laila Atrache-Younes.

Wenn Laila Atrache-Younes von den Kindern spricht, verliert sich ihr Blick für ein paar Sekunden. Von allen Bewohnern des Quartiers um die Oranienstraße liegen sie ihr am meisten am Herzen. „Wenn ich mir die Kinder und Jugendlichen im Kiez anschaue, ist Optimismus oft am schwersten.”

Die Leiterin des Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg / Oranienstraße, selbst Mutter eines Sohnes, arbeitet seit knapp sieben Jahren im Kiez. Seinen Zustand kann man am ehesten an der langen Liste der Angebote erkennen, die das Quartiersmanagement für die Bewohner anbietet: Kita-Lotsen, Nachhilfeprogramme, Familienabende, Berufsbildung für Jugendliche. Sie alle sind Laila Atraches Sorgenkinder.

Kümmerer vom Kiez

Quartiersmanagemente (QM) gibt es in dieser Form nur in Berlin. Ein QM wird in den Stadtteilen eingerichtet, in denen das Leben durch soziale Probleme geprägt ist und die Gefahr droht, dass die Menschen in ihrem Stadtteil von der gesamtstädtischen Entwicklung ausgeschlossen werden. Das Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg gibt es seit 1999. Im September 2006 hat es die Räume in der Dresdener Straße 12 bezogen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Gebiet des QM um die Oranienstraße erweitert.

69 Prozent der Jugendlichen unter 15 Jahren, die um den Oranienplatz herum leben, erhalten dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2010 nach Existenzsicherungsleistungen. Das Beamtendeutsch heißt übersetzt: Mehr als zwei Drittel der dort lebenden Kinder würden nicht über die Runden kommen, wenn sie und ihre Familien keine staatliche Leistungen erhielten.

Ein paar hundert Meter weiter, am Moritzplatz, wo vor einem Jahr das Aufbauhaus wiedereröffnete, ist die Situation noch schlimmer. Hier leben die ärmsten Kinder Berlins. Fakten, die Laila Atrache-Younes den Kopf schütteln lassen. „Ich sage immer, hinter dem Vorhang sieht es ganz anders aus. Wertet die Oranienstraße unser Quartier auf?“ Ihre Antwort: wieder nur ein Kopfschütteln.
"98 Prozent der Kinder können nicht richtig Deutsch"
Das Quartier Kreuzberg Zentrum wurde erst 2006 um die Oranienstraße erweitert. Es ist ein Gebiet mit „besonderem Entwicklungsbedarf“. Anders, düsterer ausgedrückt, ist es eines von 34 „benachteiligten Gebieten“ in Berlin.

Die Menschen, die hier leben, sind oft schlecht ausgebildet, haben wenig Geld und noch weniger eine Perspektive. 72 Prozent von ihnen sind Migranten, knapp 50 Prozent erhalten Transferleistungen wie Hartz IV. Die Oranienstraße mit ihren vielen kleinen Läden, Kneipen und Restaurants erscheint da wie eine „Insel im Quartier“.

corner Man merkt schon, dass die Straße an sich wie so eine Insel im Quartier ist. – Laila Atrache-Younes play AudioCite1

Das Leben, das sich auf der Straße abspielt, spiegelt schon lange nicht mehr das Leben im Kiez drum herum wider, meint die Quartiersmanagerin. „Bringt es der Frau hier in der Dresdner Straße etwas, dass hunderte Touristen jeden Tag durch die Oranienstraße gehen?“

Kaum eines der Kinder, das hier in die Grundschule kommt, kann Deutsch sprechen. „Fast 98 Prozent der Vorschulkinder haben hinsichtlich ihrer deutschen Sprachkompetenz Förderbedarf“, erklärt Atrache-Younes. Die Biografie der Familien trägt ihren Teil zur Situation bei. „Hier leben viele türkische Familien, deren Großeltern als Gastarbeiter her kamen und bei denen zuerst nicht die Notwendigkeit bestand, Deutsch zu lernen.“

Auch arabischsprachige Familien leben hier, viele ohne Aufenthaltsstatus. Auch sie sähen nicht die Notwendigkeit Deutsch zu lernen. „Wenn man im Ausland lebt, denkt man oft, die einzige Brücke zum Land ist die eigene Sprache - aus Angst, man verliert die kulturellen Wurzeln, wenn man nicht die Muttersprache spricht, werden alle Kinder in ihrer Muttersprache erzogen.“
Frühkindliche Erziehung ist nicht früh genug
Um an diese Familien und deren Kinder heranzukommen, suchen die Quartiersmanager direkten Kontakt zu ihnen. „Früher hieß es immer, man muss in die Schulen. Dann hieß es eine Zeit lang, wir müssen in die Kita rein, die frühkindliche Erziehung viel stärker fördern.“

Inzwischen sind die Kinder noch nicht einmal geboren, da setzt die Arbeit des Quartiersmanagements bereits an. „Wir haben viele Projekte rund um die Geburt. Das heißt, Eltern zu erreichen, wenn sie entweder in der Familienplanung stecken, oder schwanger sind, um ihnen so nach und nach weiterzugeben, natürlich in einer kultursensiblen Weise, wie sie ihr Kind besser fördern können.“ Umso früher man die Eltern erreicht, sagt sie, umso besser seien später die Chancen für das Kind.

Doch so einfach das in der Theorie klingt, in der Realität ist die Arbeit oft mühselig. Viele Eltern fühlen sich von zu viel Empfehlungen und Ratschlägen bevormundet, andere schlichtweg überfordert. „Die Eltern werden überschüttet mit Angeboten. Sie können nicht Montag zum Erziehungskurs, Dienstag Kinderspielgruppe, Mittwoch Sprachkurs, Donnerstag Frauenfrühstück.” Trotzdem werden die Quartiersmanagerin und ihr Team nicht müde, die Bewohner im Kiez immer wieder zu ermuntern, wenigstens einen Teil der Angebote wahrzunehmen. Den Erfolg schließlich, sieht Laila Atrache-Younes in den kleinen Dingen. "Die Situation im Kiez wird schon besser, wenn sich nichts verschlechtert."
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Laila Atrache-Younes über ihre Arbeit im Quartiersmanagement
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Schwierige Zielgruppen

Die Leiterin des Quartiersmanagements Zentrum Kreuzberg/ Oranienstraße (QM), Laila Atrache-Younes, erklärt, welche Zielgruppen bei ihrer Arbeit im QM am schwierigsten zu erreichen sind – Quelle: Christin Bohmann




Laila Atrache-Younes
Laila Atrache-Younes

Laila Atrache-Younes leitet das Quartiersmanagement Kreuzberg / Oranienstraße seit 2005.Foto: Christin Bohmann




Sprachkompetenz
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Sprachkompetenz

Quartiersmanagementgebiete sind sogenannte "benachteiligte Gebiete", sagt Laila Atrache-Younes und erklärt, welche die Schwerpunkte bei ihrer Arbeit im Quartier sind – Quelle: Christin Bohmann




Moritzplatz
Moritzplatz

Um den Moritzplatz liegt die Kinderarmutsquote bei 78,1 Prozent. Es ist die höchste in ganz BerlinFoto: Christin Bohmann




Ein Wunsch für die Zukunft
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Ein Wunsch für die Zukunft

Laila Atrache-Younes über ihre Wünsche für die Zukunft der Oranienstraße und des Quartiers – Quelle: Christin Bohmann




Laila Atrache-Younes
Laila Atrache-Younes

Laila Atrache-Younes ist promovierte Arabistin. Im Gespräch mit ZOOM BERLIN zitierte sie Theodor Fontane: Die Probleme bei der Arbeit im QM seien oft "ein weites Feld".Foto: Christin Bohmann

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