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heute / Homosexuelle Türken

Schwul, lesbisch, muslimisch

Mehr als 500 Menschen sind dabei, wenn DJ Ipek bei der Gayhane-Party im SO36 auflegt. Lesben und Schwule aus verschiedenen Kulturen feiern hier zusammen. Einer davon ist Mustafa. Um offen schwul zu leben, musste er auf seinen Vater, der Imam ist, verzichten.

DJ Ipek setzt die Nadel auf die Platte, türkische Volksmusik mischt sich mit elektronischem Beat. Seit 18 Jahren legt Ipek İpekçioğlu im SO36 auf. Sie ist der Star dieser Szene, eine der berühmtesten lesbischen DJanes in Berlin.

Ein durchsichtiger Atlasvorhang mit Glasperlen sowie andere exquisiten Stoffe unterschiedlicher Größe hängen von der Decke herab. Die Menschenmenge, bunt, schwul, gut gelaunt, bewegt sich im Takt. Mustafa lächelt über das ganze Gesicht, er tanzt seit Stunden. In einer kurzen Pause holt der 47-Jährige eine Menthol-Zigarette aus einem silbernen Zigarettenetui. Mustafa lebt in Charlottenburg, dort arbeitet er als Verkäufer bei dm. Nach Kreuzberg fährt er speziell zur Gayhane: Hier schlägt sein Herz.

Hane bedeutet auf Türkisch Haus, meyhane heißt Kneipe. Die Gayhane im SO36 ist für die queere internationale Community beides. Das ist ein Ort, wo sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen aus allen Kulturen zu Hause fühlen und richtig feiern können.

Ipek trägt Lederarmbänder, links ist ihr Kopf kurz frisiert, eine große Tätowierung mit orientalischem Ornament schmückt ihren flachen Bauch. Vor einem Monat ist sie 40 geworden. Ipek ähnelt ihrer Musik: Sie ist schnell, jovial, multikulturell und sexy. Und noch etwas: sie ist Muslima. Ipek weiß, dass viele islamische Gläubige sie für ihren Lebensstil verachten. Trotzdem klingt ihre Stimme sicher:

corner Allah soll entscheiden, ob ich eine korrekte Muslima bin. – DJ Ipek play AudioCite1

Ipeks Familie hat akzeptiert, dass sie lesbisch ist. Sogar der Großvater in der Türkei, ein robuster konservativer Mann, vor dem sie besonders Angst hatte. Am Anfang der 1990er-Jahre sagte er einmal zu ihr: „Ipek, das passt weder zu unserer Kultur noch zu unserer Religion. Aber du bist unser Enkelkind, wir lieben dich“. Wenn Ipek sich an diese Worte erinnert, funkeln ihre Augen immer noch so, als ob sie diese Geschichte erst vor ein Paar Stunden erlebt hätte.
Der Preis der Selbstbestimmung ist bei jedem anders
Genauso wie Ipek, gehört Mustafa zur zweiten Generation der türkischen Einwanderer. Doch weder vor zwanzig Jahren, noch heute kann er über seine Homosexualität mit seiner Familie reden. Mustafas Vater ist Imam in einer Berliner Moschee, sehr religiös, in einer konservativen muslimischen Gemeinschaft verankert.

Auch Mustafa ist gläubig. Durch seinen Vater hat er den Koran lieben gelernt. Eines Tages war Mustafa sogar bereit, ein muslimisches Mädchen auf Wunsch der Familie zu heiraten. „Zum Glück bin ich rechtzeitig da raus gekommen,“ denkt er heute.

„Mein Vater würde nie akzeptieren, dass ich schwul bin“. Obwohl Mustafa es nie von seinem Vater gehört hat, weiß er das. Versteckt leben konnte er aber nicht mehr. Er nutzte einen kleineren Streit, um sich von seiner Familie zu distanzieren. Er zog in einen anderen Bezirk und brach den Kontakt ab. „Das war eine wahnsinnige Sehnsucht, ich musste Vieles verdrängen,“ erinnert er sich. Vor allem tat es ihm im Fastenmonat sehr weh, als er große türkische Familien im Supermarkt beim Einkaufen beobachtete. Nun hat sich Mustafa mit dem Verlust abgefunden. Seinen Freunden bringt er türkische Kultur näher: Er kocht für sie und nimmt sie auf orientalische Partys mit. Während Mustafa über seine Vergangenheit mit ihnen spricht, klingt seine Stimme traurig. Doch in zwei Sekunden lacht er wieder, und zündet eine neue Menthol-Zigarette an.
Männer können auch Bauchtanz
Der Mann auf der Bühne trägt eine lockige Perücke und eine traditionelle durchsichtige Bauchtanzkleidung. Er bewegt seine Hüften nach rechst und links, der Schmuck an seinem Rock rasselt. Auch sein Mund bewegt sich: der etwas übertriebene Kampf des Kiefers mit dem Kaugummi weist auf den leicht ironischen Charakter der Show hin. Cihangir ist Bauchtänzer. Die Wurzeln seines Berufes findet er in der Geschichte: „Über 500 Jahre hatten wir eine Tradition mit Knabentänzern im Osmanischen Reich, bis zum Verbot 1857. Aber auch heute gibt es in der Türkei viele Bauchtänzer.“

Cihangir ist, ähnlich wie DJ Ipek, nicht nur ein Künstler. In den letzten zwanzig Jahren hat er die queere orientalische Szene in Berlin stark mitgeprägt. Bereits 1996 hat er mit Fatma Souad, einem anderen Star der Gayhane, das queere Kabarett „Salon Oriental” gegründet. Auch bei der Gayhane ist er seit der ersten Party 1997 dabei.


Ein Highlight für Mustafa
Wenn Mustafa daran denkt, was er an der Gayhane mag, fällt ihm als erstes das Wort „Multikulti“ ein. Denn auf dieser Party kann er alle seine Identitäten gleichzeitig ausleben. Im realen Leben stößt er dabei auf Hürden: „Bei den Deutschen war ich nie ganz deutsch, weil ich dunkel bin. Bei den Schwulen fand ich mich auch nicht so heimisch. Viele von ihnen verstehen es nicht, wie ich gleichzeitig schwul und Muslim sein kann. Aber auch bei den Türken fühle ich mich oft zu Deutsch.“

corner Beim Hallay-Tanz konnte ich nicht mehr aufhören. Das war phantastisch! – Mustafa S. play AudioCite2

Eine orientalische Melodie erfüllt den Raum. DJ Ipek spielt Halay, einen berühmten türkisch-kurdischen Volkstanz. Mustafa tanzt als erster in der Reihe aus 20 Menschen, er winkt mit einem weißen Taschentuch in der Luft. Alle haben ihre kleinen Finger miteinander verhakt. Ein Paar Schritte nach vorn, ein Paar Schritte nach hinten. Türken, Araber, Deutsche, glitzernde Transen, bärtige Schwule, geschminkte Heterofrauen - sie alle bewegen sich synchron im Zweivierteltakt. Bald wird es hell.
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İpek İpekçioğlu

DJ Ipek legt seit Jahren im SO36 auf und fühlt sich mit der O-Straße tief verbundenFoto: Inga Pylypchuk


Mustafa S.

Mustafa kommt gerne auf die Oranienstraße, vor allem wenn es Gayhane gibtFoto: Inga Pylypchuk




Cihangir Gümüstürkmen
Cihangir aka Sibel Istanbul entzückt das Publikum mit dem orientalischen Tanz. – Video: Cihangir Gümüstürkmen

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